Von der Gastarbeiterliteratur zur neuen deutschen Literatur
EMİNE SEVGİ ÖZDAMAR — ARAS ÖREN — MICHAEL HOFMANN — MODERATION: KARIN YEŞİLADA
Mit dem Anwerbevertrag zwischen der Türkei und Deutschland begann eine große Auswanderungswelle aus der Türkei. Doch es kamen ja nicht nur Arbeiter ins Land, sondern auch Intellektuelle und Studenten. Diese Intellektuellen interessierten sich zunehmend für die türkische Arbeitsmigration und ihre kulturellen Auswirkungen. Auch wenn anfangs eine „Literatur der Arbeitswelt“ vorherrschend war, entwickelten professionelle Schriftsteller von dieser „Literatur der Betroffenheit“ ausgehend, bald eine eigenständige literarische Perspektive, die als Vermittler zwischen den Erfahrungen der Migranten und der Mehrheitsgesellschaft agierte.
In den 90´er Jahren kam dann eine Literatur türkischstämmiger Autorinnen und Autoren hervor, die sich aus dem Umfeld sozialpolitischer Debatten und Konstellationen emanzipierte. Von entscheidender Bedeutung ist dabei, dass die deutsch-türkische Literatur der zweiten und dritten Generation einengende Erwartungen und Rollenzwänge mit Erfolg zu überwinden vermochte. Sie repräsentieren nichts und niemanden, sie profilieren sich durch eine eigenständige Perspektive und Sprache, sie entwickeln literarische Konzepte und Modelle, die aus einer produktiven Auseinandersetzung mit eigenen biographischen und gesellschaftlichen Erfahrungen heraus entstanden, auf diese Erfahrungen aber nicht zu reduzieren sind.
So gelang vielen deutsch-türkischen Autorinnen und Autoren der Sprung in große deutsche Verlage, manche wurden sogar Bestsellerautoren. Da der Erfahrungsraum dieser Autorinnen und Autoren aber ein interkultureller ist, sind ihre Texte ein aufschlussreiches Paradigma für die interkulturelle Literaturwissenschaft. Die Literatur der türkischen Migrantinnen und Migranten in Deutschland hat sich also über fünfzig Jahre hinweg entwickelt, professionalisiert und verändert.
In dem Zusammenhang werden an diesem Abend unter Leitung von Karin Karakaşlı mit zwei bedeutenden Namen der deutsch-türkischen Literatur, Aras Ören und Emine Sevgi Özdamar, und dem Literaturwissenschaftler Michael Hofmann, der vor kurzem den Band „Einführung in die interkulturelle Literatur“ herausgab, über Entwicklungslinien und Perspektiven der deutsch-türkischen Literatur diskutiert und Texte gelesen.
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